Wenn du sie nicht besiegen Kannst, dann verwirre sie !

03/2026

Wenn du sie nicht besiegen Kannst, dann verwirre sie !

Produktive Unruhe und Ambivalenzen im Kunstwesen der späten DDR

von Susanne Altmann

Irgendwann, vor langer Zeit, begann man den Begriff „Projektionsfläche“ aus Kino oder Vortragssaal im Sprachgebrauch von Psychologie und Soziologie anzuwenden: ein relativ harmloses Gleichnis, sich auf eine leere Leinwand ­beziehend, auf der normalerweise alltagsweltliche Diapositive oder Film­ereignisse erscheinen. Im übertragenen Sinne ging es jetzt um Träume, ­Wünsche, Hoffnungen, Enttäuschungen, Zorn etc., die sich auf eine bestimmte thematische Figur richteten.

Mit dem Siegszug der Digitalität sind wir heute von Bildschirmen umzingelt, auf welche – obzwar meist nicht mehr frontal mit Bildern bestrahlt – rasant projiziert wird. Neudeutsch: Es wird Inhalt (content) hergestellt (created), der aus einer schier endlosen Folge von Selbstbildern, Fremdbildern und diesbezüglichen Fiktionen besteht. Kinosäle existieren gerade noch so, und Präsentationen im Unterrichtsgebrauch finden bald nur noch auf individuellen Endgeräten statt. Bei dieser Konkurrenz verliert die Metapher „Projektionsfläche“ möglicherweise bald an Symbolwert. Es wäre ja auch zu seltsam, wenn sich die profane und akademische Begriffsbildung nicht auch entlang der medialen Entwicklung ­verändern würde. Sei's drum.

Benutzen wir das Wort also, solange es noch einigermaßen verstanden wird. Im physischen Sinne erscheint die Wand mit dem Projektor davor im Kunstbereich noch als feste Größe. Immerhin. In der öffentlichen Kommunikation ­überdauert ­das Phänomen „Projektionsfläche“ etwa als architektonisches Element mit Bezug zur jüngeren, sozialistischen Vergangenheit. Das kann eine nicht mehr existierende Brücke sein, gerne auch diverse Volkspaläste oder Bauensembles aus dem späteren 20. Jahrhundert. Auf diese Bauwerke werden eigene Lebensleistungen, verschwommene Erinnerungen, politische und ästhetische Meinungen projiziert, was das Zeug hält. Projektion als Volkssport hat Konjunktur, besonders wenn es um ostdeutsche Belange geht – die, nolens volens, nach über 40 Jahren verblassen. Unmittelbar nach 1989 war das einheimische Interesse an den, irgendwie auch ideologiebehafteten Gebäuden freilich kaum messbar. Zumal in Dresden, wo stets das historische Regulativ der 1945 zerstörten Stadt über planerischen Entscheidungen schwebt(e). Hand aufs Ostherz, wer hätte sich in den 1990er Jahren nicht gut den Abriss des Kulturpalasts zugunsten einer neuen Konzerthalle vorstellen können oder den flächendeckenden Rückbau des zentralen Robotron-Geländes? Ich schon und sicher so manche Boomerinnen meiner Generation, die mit dem kollektiven Trauma einer doppelt versehrten Stadt aufwuchsen.

Als sich erste Stimmen für den Erhalt ostmoderner Bausubstanz erhoben, steckten viele von „uns“ (s.o.) noch in einem Lernprozess. Und ebensoviele hätten kaum geglaubt, dass in der äußerlich unspektakulären robotron-Kantine einmal d a s Zentrum für zeitgenössische Künste entstehen würde. Seit der Umnutzung der weitläufigen Räume haben dort wunderbare und auch sperrige Ausstellungen stattgefunden, die man sich im Rückblick nirgends anders hätte vorstellen können. Doch erst mit der aktuellen Schau „Produktive Unruhe“ entfalten die einstigen Speisesäle ihr volles Potenzial als Projektionsfläche – und zwar in einem überraschenden Sinne. Mit der Präsentation eines bislang so gut wie unbekannten Konvoluts an ostdeutscher Kunst kann eine ganze Alterskohorte noch einmal ihre damalige Haltung zu den späten Kunstausstellungen der DDR mit ihren heutigen Befindlichkeiten abgleichen. Da kann es zu Verklärungen kommen, die eher Verklärungen der eigenen Jugendzeit („So schlecht ging es uns ja gar nicht!“) sind. Es kann zu peinlichen Wiederbegegnungen mit der eigenen, nonkonformistischen Ignoranz kommen. Es kann aber auch zu einer Bestätigung der damaligen Rebellion gegen den Obrigkeitsstaat kommen. Oder gar zu einer subjektiven Überhöhung der persönlichen Dissidenz. Diese Ambivalenzen sind auszuhalten.

Wie schön wäre es, sich einmal nicht in schon vor Jahrzehnten zementierten Ansichten eingerichtet zu haben und diese mithilfe der gezeigten Werke aufzubrechen? Warum war der Kopf gleich noch einmal rund? Wie erholsam wäre es (ist es, im Falle der Autorin) einzugestehen, dass das sorgsam gepflegte Misstrauen gegenüber jenen, auf den Kunstausstellungen gezeigten Werken, zu blinden Flecken führte? Wie entspannend, sich einfach nur zu freuen über die Schätze, speziell an grafischen Werken, die „Produktive Unruhe“ bereithält! Und dabei den kulturpolitisch peinlichen Umstand zu ertragen, dass diese wunderbaren Konvolute jahrzehntelang ungewürdigt im Stuttgarter Depot des Instituts für Auslandsbeziehungen (IfA) ruhten. Anstatt sich darüber aufzuregen, dass ein großer Teilbestand des aufgelösten Zentrums für Kunstausstellungen (ZfK) der DDR 1991, so wollten es die Strukturen, an das westdeutsche IfA überging, sollte man staunend durch die liebevollen Arrangements wandeln, wo sich meisterliche Blätter von Angela Hampel, Hans Hendrik Grimmling oder Herrmann Glöckner begegnen. Gewiss, es wäre kuratorisch möglich gewesen, allein den exquisiten Stuttgarter Nachlass des ZfK zu zeigen.

Doch eine Einbettung in die Zeit vor 1989 muss sein, auch wenn sich genau dadurch naturgemäß Auslassungen und Unschärfen ergeben. Und kritische Projektionsflächen, ganz klar. Diesem Risiko haben sich die beiden Kuratorinnen Christiane Mennicke-Schwarz und Susanne Weiß beherzt ausgesetzt. Denn weder den Nachgeborenen noch allen Zeitgenoss*innen sind die einstigen Kontexte gänzlich bekannt: die staatlichen Ankäufe für (Re)Präsentationen im (auch nichtsozialistischen) Ausland im Fundus des ZfK, dann die über Mitgliedschaften im Verband Bildender Künstler (VBK DDR) zwangsläufigen ökonomischen Verflechtungen sowie ein niedrigschwelliges Auftrags- und Ankaufswesen, das beileibe nicht nur 100%-ig systemkonforme Positionen berücksichtigte. In solchen Fällen hatten die betreffenden Künstler*innen noch nicht einmal Einfluss auf ihre Teilnahme an Projekten des ZfK. Die großen Dresdner Kunstausstellungen selbst, beginnend bereits mit der VIII., versuchten den Eindruck von kultureller Provinzialität zunehmend zu vermeiden – immerhin wünschte man sich, die Welt würde auf das Geschehen blicken. Durch diesen Luft- und Lichtschacht war es etwa möglich, dass Nuria Quevedos Tafeln „Eine Art den Regen zu beschreiben – für Hans Eisler“ (1981) auf der IX. Kunstausstellung die Gemüter der Besucher*innen anrührten – der zärtliche, poetische Grauschleier, der über den meisten ihrer Werke liegt, mag zur Identifikation mit der eigenen Situation in der DDR geführt haben und dazu, dass die Ästhetik des Ungesagten (ähnlich wie in der Literatur) als gültiges Ausdrucksmittel erkannt wurde. Wie eine Ikone, die nach langer Zeit ans Tageslicht kommt, wirkt auch Herta Günthers kleine und trotzdem gewaltige Radierung „Rolltreppe“ (1979) mit den geisterhaften, ausdruckslosen Feierabendgesichtern – umrahmt von weiteren Druckgrafiken in der ihr typischen, gewitzten Verweigerung eines normierten Menschenbilds.

Die hohe Qualität des kleinen Formats: Druckkunst, Zeichnung, Fotografie ist eine Stärke dieser Ausstellung. Denn darin bildet sich eine lang übersehene Einzigartigkeit ostdeutscher Kunst ab: Einerseits die sehr gute akademische Ausbildung in diesen Techniken, viel mehr jedoch der bewusste Gegenentwurf zu Malerei als der offiziellen Königsdisziplin, sozusagen. Viele Künstler*innen, darunter hier prominent vertreten: Claus Weidensdorfer und Jürgen Schiefer­decker, wählten das grafische Medium bewusst, weil sie sich darin freier, sogar experimenteller ausdrücken konnten. Notiz an mich selbst: Über dieses subversive und qualitativ bestechende Alleinstellungsmerkmal innerhalb der ostdeutschen Kunstproduktion wird noch genauer und zusammenhängender nachgedacht werden müssen. 

Zumal sich an dieser Stelle Überschneidungen zur inoffiziellen Kunstausübung auftun – etwa zu den originalgrafischen Zeitschriften und Künstler*­innenbüchern. Diese werden hier zwar nicht explizit ausgestellt, aber mit dem thematischen Exkurs „Alternativkultur im Spannungsfeld“ der beiden späten Kunstausstellungen wird die damalige Dresdner Subkultur als Bezugsrahmen aufgespannt. Vieles, was in dieser „zweiten Öffentlichkeit“ passierte, war nicht auf Dauer angelegt und lässt sich kaum konventionell ausstellen. Deshalb kam es innerhalb der „Produktiven Unruhe“ zum Auftritt zweier (Post- oder Pop-, wer weiß das schon...) Punkbands mit Wurzeln in der damaligen Crossover-Szene. Zum einen waren das die „Freunde der italienischen Oper“ (FdiO, ab ca. 1987), deren legendäres Erscheinen in Wolfgang Engels „Faust I &II“ - Inszenierung (1989) von einem experimentellen Super-8-Film aus eigener Produktion begleitet wurde. Der kurze Schwarzweiß-Streifen läuft im Keller der Kantine, zusammen mit dem ostdeutschen Rockreport „Flüstern und Schreien“ (1988). Zum anderen konnte auch das Phänomen der Punkband „⁴√ Zwitschermaschine“ (1979 bis ca. 1984) in einer genialen Reanimation besichtigt werden. Unter konzeptueller Regie von Ex-Drummer Wolfgang Grossmann würdigte das heutige Ensemble „Der Schlagzeuger von Zwitschermaschine“ nicht nur die einstigen Initiator*innen, das Künstler*innenpaar Cornelia Schleime und Ralf Kerbach (als Gitarrist auf der Bühne), sondern vorallem posthum den Sänger und Lyriker Michael Rom (1957-1991) und dessen so zornige wie verletzliche Poesie.

Niemand, der die Prämisse der Ausstellung und die Mechanismen von (Zeit)­Geschichte versteht, würde der „Unruhe“ vorwerfen, sie sei unvollständig. Natürlich ist sie das, muss es sein, gerade in den Feldern, die nicht aus glücklicherweise archivierter Flachware, bestehen. Für einige Momente, Gespräche, Begegnungen allerdings fängt sie die unglaubliche Atmosphäre einer Dekade voller Trotz, Witz, Improvisation, Hoffnung und Traurigkeit ein. Und bietet die kommunikative Projektionsfläche für derlei widerstreitende Gefühle – die von Ausstellungssituation zu Ausstellungssituation durchaus wechseln können.

Kunsthaus Dresden in der robotron-Kantine:

Produktive Unruhe. Kunst, Publikum und Alternativkultur im Spannungs­feld der IX. und X. Kunstausstellung der DDR in den 80er Jahren.

Nur noch bis 26. Juli 2026

mehr Info:

https://agora.ifa.de/de/themen/produktive-unruhe

https://agora.ifa.de/de/themen/zfk-neu

Titel: Zitiert nach Jörg Schittkowski (Musiker), im Podiumsgespräch „Etwas musste raus“ mit Ray van Zeschau (Musiker, Fotograf, Filmschaffender und Journalist) und Ralf Kerbach (Maler, Grafiker, Gründungsmitglied Zwitschermaschine), Mod. Uwe Stuhrberg (Chefredakteur SAX Das Dresdner Stadtmagazin), 27. Mai 2026 in der Ausstellung „Produktive Unruhe“