Magische Kanäle oder Illusionen und Lügen als Realitätsgewinn
2/2026
von Susanne Altmann
„Die Ausstellung existierte nur, solange der Strom eingeschaltet war... “
So schrieb vor gut dreißig Jahren der Kunsthistoriker, oder besser: Bildwissenschaftler Hans Belting (1935-2023) über eine Wiener Videoausstellung. Den Filmfreund verblüffte weniger der Einsatz von Elektronik oder von projiziertem Bewegtbild. Vielmehr überraschte ihn, dass sich die Kunsterfahrung als zeitlich begrenzt und extern steuerbar erwies: „In den realen Raumgehäusen entstanden auf Zeit eingerichtete, immaterielle Sehräume, die sich weder fotografieren noch durch Texte beschreiben ließen.“ Fürs Publikum ersetze eine kurze Begegnung die langlebige Existenz eines Originals, und „die gezeigten Gegenstände reduzieren sich auf die Hilfsfunktion einer 'hard ware'.“ Huch, Licht an und alles zerfällt in leere Leinwände, ein paar Linsen und Leuchten sowie obskure, verkabelte Kästen – kurz: in Technik, die noch nicht mal den Anschein einer kreativ verarbeiteten Materialität erwecken will.
Doch statt konservative Technologiekritik zu üben, prognostizierte der Experte hoffnungsvoll: „Die vor-museale Wunderkammer...kommt dort in Sicht, wo Maschine und Kunst, aus deren Trennung einmal das Kunstmuseum hervorging, in der so genannten Medienkunst wieder zusammenfinden.“ Dass es dereinst zur selbstverständlichen Verschmelzung von immateriellen, auf Hard- und Software basierenden Effekten mit taktilen Kunstobjekten kommen würde, konnte er sich (noch) nicht vorstellen. Zu neu, zu aufregend und zu eigensinnig waren die so genannten Neuen Medien und deren Protagonist*innen. Immerhin war klar, dass sich das Staunen und die psychophysische Überwältigung noch nicht ganz aus der Kunstwelt verabschiedet hatten, auch wenn damals eher rationale Malerei, sparsame Konzeptkunst und einschüchternder Minimalismus dominierten. Die leise Sehnsucht nach einem gewissen, irgendwie ungeordnet erscheinenden Maximalismus packte man in den so handlichen wie ambivalenten Begriff der Postmoderne. Unter diesem Sonnenschirm durfte es schon eher flackern, funkeln, klingen und rauschen. Mit Filmen von Peter Greenaway eroberte zeitgleich der Hang zum opulenten Gesamtkunstwerk die Kinosäle. Auch da residierte die Dunkelheit im Vorzimmer zur Verzauberung. Vielleicht begann es diversen Bildkünstler*innen dort zu dämmern, dass der dramat(urg)ische Einsatz von Licht und Dunkel nicht allein dem rechthaberischen Höhlenforscher Plato noch dem Budenzauber von Geisterbahnen zu überlassen sei. Bilderzeugung jenseits von klassischen Medien, ob statisch oder bewegt, ob digital oder handgemacht, ist ohne das Wechselbad von Helldunkel nicht zu haben. Als der Universalist Werner Nekes (1944-2017) mit seinen Experimentalfilmen begann, Bild- und Apparatengeschichte(n) zu fusionieren, tat er das aus reiner „Lust, das Bild zu sehen, das man sich erträumt hat.“(W.N.) Bald fing er an, seine gewaltige Sammlung von irgendwie optischen, doch letztlich magischen Instrumenten anzulegen. 20.000 Objekte sollen es sein, Nekes' Vision von einer Dauerpräsentation hat sich bis heute, leider, noch nicht manifestiert. Sollte es je dazu kommen, entstünde eine atemberaubende Wunderkammer vom Schattenspiel bis hin zu digitalen Gimmicks. In dieser Höhle wäre es, na klar, größtenteils dunkel – wie anders sonst könnte sich die Magie entfalten? Und eines ist sicher, in einem solchen visuellen Spektakel ließe sich ein riesiges Spektrum von globaler Kulturgeschichte und menschlichem Erfinder*innengeist erfühlen.
Erfühlen – weil sich die Gleichzeitigkeit der Sinnesreize, so wie von Nekes erträumt, nicht an den rationalen Verstand richtet. Sondern vielmehr aus der Fülle heraus intuitives Weltwissen erzeugen (könnte). Wie ein geglücktes Zusammenspiel von Staunen, Technik, Sammlungsobjekten und Kunstwerken aktuell aussieht, kann man noch bis Ende Juni in der Puppentheatersammlung im Heizkraftwerk Mitte erfahren. Das Raumerlebnis des „Center for the Less Good Idea“ aus Johannesburg liegt in einem Halbdunkel, aus dem heraus einzelne Bühnen von animierten Schaukästen, Videoprojektionen und Schattentheater aufleuchten. Es geht um Apartheid, Aktivismus, Utopien und Trauer. Durchaus gewichtige Themen, die aber als kurzweiliger, gelegentlich verspielter Parcours vorgetragen werden, sich bei Bedarf an- oder ausschalten und die Sinne ansprechen.
Genau nach diesem Prinzip funktionierten übrigens die vormusealen Sammlungen und vorwissenschaftlichen Inszenierungen, die Belting so fasziniert beschwor. In den Kunst- und Naturalienkabinetten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts arrangierte man die Artefakte nach ästhetischen, oft grotesken Gesichtspunkten zu enzyklopädischen Szenarien. Das darin enthaltene Wissen, aus heutiger Sicht unorganisiert, teilte sich den Neugierigen dennoch mit.
Wie wäre es nun, wenn sich ein bestimmtes, ansonsten schwer vermittelbares Phänomen der jüngeren Vergangenheit in einem kreativen Überwältigungstheater viel besser erschließen ließe als mit akademischer Literatur oder entfesselten Zeitzeugendiskussionen? Ganz richtig: Die Rede ist von der Deutschen Demokratischen Republik. Und was wäre, wenn es solch eine, noch dazu unterhaltsame Erfahrungslandschaft hier in Sachsen gäbe – eine halbe Stunde S-Bahnfahrt vom Zentrum Dresdens entfernt? Nun ja, das gibt es wirklich – in Gestalt des Lügenmuseums im historischen Gasthof Serkowitz bei Radebeul. Der Name mag erst einmal trügen – soll er doch – und auch das Gebimmel und Gesurre, das beim Eintritt automatisch anhebt, irritiert. Doch wer das „Lüseum“ unterschätzt, den bestraft die Geschichte. Oder so. Im Schöpfer dieses Ortes, Reinhard Zabka, treffen wir einen überaus bodenständigen, nahbaren und hartnäckigen, ja: Universalkünstler. Schon vor Jahrzehnten wählte er das heikel klingende Thema Lüge für sein Gesamtkunst- und Lebenswerk, und signalisierte damit – ungeachtet der Inhalte – ein hohes Maß an Konfliktbereitschaft. Genau diese Eigenschaft und ein gesundes Misstrauen gegenüber jeglichem Autoritären rettete er vor gut 35 Jahren aus seiner ostdeutschen Prägung in eine sich rasant verändernde Zeit. Als Akteur der Erfurter und Berliner Subkultur hatte er genug Gelegenheit, sich mit der Lüge als Machtinstrument, aber auch als Überlebensmittel, zu befassen. Durchschaubar Belogenwerden und irgendwie zurückzulügen, das gehörte zum Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat. Jede*r hatte seine eigenen Strategien dafür, über die besten verfügten Künstler*innen und Literat*innen. Zabka kannte sie alle, so scheint es zumindest, wenn man seinen begehbaren „Giftschrank“ betritt, der sich hinter einer Art Geheimtür aus Buchrücken auftut. Dort versammeln sich zu DDR-Zeiten meist illegal fabrizierte Drucksachen und Poster, etwa von Manfred Butzmann, Elke Erb, Martin Hofmann, Cornelia Schleime oder Robert Rehfeldt. Reinhard Zabka, Impresario untergründiger Veranstaltungsformate in seiner Prenzlauer-Berg-Wohnung und anderswo, war mittendrin. Gerade weil er nur wenig Ordnung oder Chronologie in seine Archivalien bringt, gelingt es ihm, den Geist des kreativen Widerstands zu bewahren. Mit seltsamen Apparaten lädt er ein, die Geräuschkulisse der DDR aus Tonkonserven selber abzumischen. Mit kleinen Dioramen würdigt er immer wieder Künstler*innen der damaligen Gegenöffentlichkeit. Dem verstorbenen Dresdner Kollegen Lutz Fleischer (1956-2019) widmet sich ein berührender, begehbarer Schrein, der den Objektkünstler mit seinem finsteren Humor gleichsam zu Leben erweckt. Die Ästhetik des Selbstgemachten durchzieht alle Tableaus, alle Räume und wird damit dem so typischen Klima von Improvisation, geistiger Wendigkeit und frechen Verschlüsselungen jener Zeit gerecht. Ständig flackert etwas auf, verschwindet wieder, bewegt sich kurz, steht still, erklingt und verstummt wieder.
Lüge bedeutet hier nichts weniger als Gegenwelt. Jede Kammer ist ein Wunder in sich selbst. Die erste Station erinnert an den übermächtigen Wunsch nach Reisefreiheit, nach anderen Kulturen und Eindrücken. Mechanische, akustische und optische Effekte spiegeln die privaten Projektionen innerhalb einer geschlossenen Gesellschaft, aber auch die auf 1989 folgende Ventilwirkung nebst diversen Entzauberungen. Seinen Assemblagen aus exotischen Souvenirs stellt Reinhard Zabka frühe Bildcollagen zur Seite – auch diese kleinteiligen Kompositionen aus Kunstpostkarten und Illustriertenbildern waren Fluchten aus der Enge des reglementierten Alltags. In der Überfülle kann es rasch passieren, dass man den Urheber dieses Gesamtkunstwerks (if there ever was one) aus dem Blick verliert. Als könnte kaum eine Einzelperson dafür zuständig sein. Dennoch, Zabka agiert als Autor in Konzept und Detail. Viele der ineinander übergehenden Einzelsettings stammen noch aus dem Gutshaus Gantikow in Brandenburg, dem Gründungsdomizil des Lügenmuseums.
Es war ein Segen für Sachsen, dass Zabka die Ostprignitz verlassen musste, mit vier Lastzügen voller Museumsgut im Schlepptau. Denn die historische Erbschänke Serkowitz, seinerseits selbst Schauplatz von nonkonformen Parties in den 1980ern, würde sonst leer stehen und weiter verfallen. Das gesellige Modell eines Dorfgasthofs funktioniert ja heute so nicht mehr. Zudem steht das Gebäude unter Denkmalschutz, was Umbau und damit Verkauf erschwert. Doch was der 1950 in Erfurt geborene Künstler und seine Mitstreiterin Dorota Zabka seit 2012 aus diesem Problemfall gemacht haben, kommt einem traditionellen Gasthaus recht nahe. Nur dass es um geistige und kulturelle Nahrung geht.
Wie (und wovon) übersättigt können die Stadträte und Bert Wendsche, seit 2001 Oberbürgermeister von Radebeul, eigentlich sein, dass sie das „Lüseum“ aus dem Wirtshaus treiben wollen? Per Räumungsklage. Mit dieser Aktion ist weder Prestige noch Geld zu gewinnen. Oder sollte es gar nicht um die Sache gehen? Sondern um die abstrakten Machtansprüche eines kommunalen Alleinherrschers und seines gehorsamen Zentralkomitees? Ähnliche Szenarien sind Reinhard Zabka von früher wohlvertraut. Er huldigt ihnen spöttisch mit der „Kathedrale des Sozialismus“ (s. Titelbild). In einem schmalen Gang drängen sich Devotionalien, auch Alltagsgegenstände, sonst gerne in DDR-Museen verklärt: Mitropageschirr, Hühner-Eierbecher oder Ata und ein Paar zum Trocknen aufgehängte rote Socken. Dieses traute Miteinander von Requisiten der Lügengesellschaft aufzuführen, kann sich wohl nur ein Kunstwerk erlauben.
Oder ist g e r a d e dieser Realismus der Lüge das Problem, ein persönliches – für den Stadtvater, der (so will es Wikipedia) bis 1990 in Halle Pädagogik, ausgerechnet, nach striktem DDR-Lehrplan studiert hat? Und der sich speziell von einem Künstler, der sich damals fröhlich außerhalb des Systems bewegte, einfach nicht über seine Vergangenheit belehren lassen will? Ja oder Nein? Schön bei der Wahrheit bleiben jetzt... Denn noch gehen die Lichter an und aus im Gasthof Serkowitz, noch funktionieren die Bewegungsmelder in den Kabinetten. Wenn hier der Strom ausgeschaltet bleibt, dann können die Radebeuler Funktionär*innen das Licht der Erkenntnis mit Säcken in das Gebäude tragen. Sie wären in bester Gesellschaft.
Alles weitere zur Geschichte und zum Räumungsdrama des Lügenmuseums hier: https://www.luegenmuseum.de/
mehr Info: https://puppentheatersammlung.skd.museum/ausstellungen/william-kentridge-listen-to-the-echo/
Zitate aus: Hans Belting, Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren, München 1995, bes. I/11