Einhundert Jahre Nancy Spero (1926-2009)
04/2026
Eine immerwährende Geburtstagsfeier im Festspielhaus Hellerau, mit Gästen
von Susanne Altmann
Prolog im Bücherregal
„The Fighting is a Dance, Too“ - „Kämpfen ist auch ein Tanz“ lautet der Titel eines kleinen Künstler*innenbuches, das bei mir im Regal steht – erschienen im Jahr 2000, verschwindet es fast in einer langen Reihe von Katalogen, Monografien und Interviewbüchern des US-amerikanischen Künstler*innenpaars Nancy Spero und Leon Golub. Ich ziehe den schmalen, rötlichen Band aus seinem Schuber. Fast automatisch klappt eine der letzten Seiten auf und faltet sich sogleich aus – fast sechsmal das eigentliche Format, wie eine besonders lange, neugierige Zunge aus einem geöffneten Mund. Darauf abgebildet ist eine Arbeit von Nancy Spero aus dem Jahr 1979, mit dem Titel „I Am On My Way Running“ (etwa: Ich bin im Laufschritt unterwegs). Die querformatige Komposition auf Papier ist wie ein Fries organisiert: Mehrere Tänzerinnen oder eher Athletinnen desselben Typus bewegen sich dynamisch nach vorn. Ihre kraftvollen Schritte wirken anmutig, aber auch ein bisschen furchteinflößend. Denn diese Frauengestalten scheinen vor keinem Hindernis, das sich ihnen entgegenstellen könnte, zurückzuschrecken. Sie tanzen sich ihren Weg frei. „The Fighting is a Dance, Too“. Jetzt klingt diese Phrase gar nicht mehr so seltsam wie anfangs. Denn in fast allen ihren Motiven ging es Nancy Spero um jene Gewalt, der Frauen aller Zeiten und Weltgegenden ausgesetzt sind und waren, wenn sie sich auf ihren eigenen, selbstbestimmten Weg machen. „I'm on my Way, Running“ stammt aus einem Lied, mit die indigene Volksgruppe der Tohono O'Odham (Arizona) den Übergang vom Mädchen- zum Frausein begleitet. Insofern markiert dieser papierene Fries von Spero eine, wenn auch kämpferisch gestimmte, Feier von Weiblicheit.
Umgekehrte Sichtbarkeiten
Das war nicht immer so in dem Werk der aus Cleveland stammenden US-Amerikanerin. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Leon Golub, den sie beim Kunststudium in Chicago kennenlernte, wandte sie sich vehement gegen den Vietnamkrieg, den die USA von 1955 bis 1975 führte. Nach fast zehn Jahren in Europa und der Geburt dreier Söhne, ließ sich die Familie in New York City nieder. Jetzt entstanden Speros „War Paintings“ (1966-1970). Diese etwa 150 Gouache-/Tuschezeichnungen von phallischen Bomben, personifizierten Kampfhubschraubern und Gräueltaten gehören zu den eindringlichsten Antikriegsbildern seit Francisco de Goyas „Desastres de la Guerra.“ Anfang der 1970er Jahre traf Nancy Spero dann eine künstlerische Lebenentscheidung: Sie verbannte die männliche Figur – als traditionellen Träger von Bedeutung und Gewalt – völlig aus ihrem Werk, zeigte dessen historische Allgegenwart nur mehr durch seine Abwesenheit. Schon damals begann sie, Abbilder von Frauengestalten durch alle Zeiten hinweg zu sammeln und sich einen regelrechten Fundus an Bildvorlagen anzulegen. In Collagen und Druckgrafiken kombinierte sie diese zunächst mit Textquellen vom Gilgamesch-Epos bis hin zu Folterberichten von Amnesty International. In dieser Schaffensperiode standen Frauen als sozusagen universelle, Opfer von männlicher Gewalt im Mittelpunkt. Das war so schmerzhaft wie konsequent. Gleichzeitig gründete Spero 1972 mit Kolleginnen wie Judith Bernstein oder Agnes Denes eine der ersten Frauengalerien in den USA, vielleicht auch weltweit. Da ging es um Sichtbarkeit von Künsterinnen in einem museal wie kommerziell hoffnungslos männerdominierten Umfeld und um die Sichtbarkeit von weiblichen Problematiken wie Mutterschaft, Abtreibung oder häusliche Gewalt. In erster Linie ging es allerdings um Kunst und druckfreie Selbstverwirklichung. Die A.I.R. Gallery (Artists In Residence) existiert noch heute in Brooklyn. Das Projekt hatte auch Auswirkungen auf Nancy Speros Bildsprache, die sich von weiblichem Leiden hin zu einer Betonung der Resilienz und Stärke von Frauen entwickelte. Ihre typischen friesartigen Langformate wurden zunehmend zu Bühnen eines existenziellen Tanzes. Einen, in dieser Zeit entstandenen Zyklus nannte Spero, frei nach der feministischen Theoretikerin Luce Irigaray, „The First Language“ (Die erste Sprache) und meinte damit den Tanz als körperliche Ausdrucksform vor der logisch-verbalen Sprache. Auch die eingangs erwähnte horizontale Sequenz „I Am On My Way Running“ gehört in diesen Themenkreis.
Ort des Tanzes und der Gewalt
Zwei Jahre, bevor das Büchlein mit jener tänzerischen Ausfaltung erschien, waren Nancy Spero und Leon Golub in Dresden zu Gast, um am Festpielhaus Hellerau mehrere ortsspezifische Arbeiten zu realisieren. Eine davon – das war damals nicht vorhersehbar – ist heute noch im später so benannten „Nancy-Spero-Saal“, dem linken Seitenstudio, zu betrachten. Das allein ist ein Grund, den einhundersten Geburtstag der Künstlerin in diesem Jahr zu würdigen. Im Sommer 1998, als Spero nach Hellerau kam, war sie 71 Jahre alt, weltberühmt und trotzdem noch am Beginn ihrer Karriere. Denn erst mit über Sechzig wurde sie „entdeckt“ und durch ihre erste Soloausstellung in Großbritannien auch international bekannt. Ihr Ehemann Leon Golub mit seinen rohen, monumentalen Gewaltdarstellungen und seiner Kunstprofessur hatte es da leichter gehabt – und dennoch war es nicht sein Schatten, in dem Nancy Spero so lange stand, sondern vielmehr mangelte es der Kunstwelt allgemein und der New Yorker speziell am Interesse für Künstlerinnen. Dazu kam, dass beide Künstler*innen stets als politische Aktivist*innen auftraten, was Laufbahnen ja bekanntlich auch nicht fördert. Doch genau aus diesem Grund hatten sie die Einladung nach Dresden begeistert angenommen. Da war zum einen die Geschichte der Gartenstadt Hellerau, die der reformbewegte Möbelunternehmer Karl Schmidt um seine Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst ab 1902 hatte anlegen lassen, mit dem Festspielhaus des Architekten Heinrich Tessenow als kulturelle Krönung des Projekts. Hier stand die Wiege des modernen, experimentellen Theaters, des künstlerischen Ausdruckstanzes und damit heutiger Ideen von Performance. Und es gab die politische Geschichte des Festspielhausgeländes, das ab 1938 im Staatsbesitz, bald als Kasernenstandort von Polizei und SS diente und ab 1945 als abgeriegelte Militärbasis der Sowjetarmee.
Eine Trauerfeier der Stärke
Diese Stränge von Kultur und Gewalt verschränken sich noch heute vor Ort, waren jedoch 1998 – ein paar Jahre nach Abzug der „Rote Armee“ aus dem wiedervereingten Deutschland – in der unsanierten Bausubstanz geradezu anfassbar. Im Großen Saal prangten Piktogramme der Moskauer Olympiade von 1980 über alten Sprossenwänden, ein Notdach aus Plastik flatterte lautstark über dem Dachstuhl und überall bröckelte der Putz. Nancy Spero arbeitete fast zwei Wochen mit einem Team aus Assistent*innen und Kunststudent*innen im Seitenstudio, wo sich eine Schießanlage befunden hatte. Auf der von Einschüssen versehrten Stirnwand erschien jetzt die Komposition „Die Ballade von der Judenhure Marie Sanders“ (zu dem Gedicht von Bertolt Brecht, 1934-1936). Während die Figuren mit Negativschablonen und weichen Silikonplatten aufgebracht wurden, druckte man Text mit einzelnen Buchstabenstempeln. Wie bereits verblassend, umgeben die Verse das Bild einer nackten, an einen Pfahl gefesselten Frau. Die Fotovorlage davon, Zeugnis von ultimativer Grausamkeit und Erniedrigung, wurde in der Brieftasche eines Gestapo-Offiziers gefunden. Mit dieser Installation, die sie ähnlich bereits im Jüdischen Museum in New York ausgeführt hatte, kehrte Spero zu dem bedrückenden Themenkreis der „Torture of Women“ (Folter an Frauen) zurück – die Gewaltkontexte der Anlage verlangten danach. Dennoch löste sie die zentrale Tragödie des Raumkunstwerks wieder in eine hoffnungsvolle Choreografie auf: Entlang beider Längswände bewegen sich Frauenfiguren, Zitate aus allen möglichen Epochen der Menschheitsgeschichte, vom Alten Ägypten, über die antike Griechen und Etrusker bis hin zu Athletinnen unserer Tage, auf die Mitte zu und von dieser auch wieder weg. Die Trauerfeier für die geschundene Frau wird damit zu einer Prozession der Stärke und des überzeitlichen Zusammenhalts.
Epilog im Treppenhaus
Dieser Raum wurde restauratorisch fast auf dem damaligen Stand erhalten, mit allen vorhergehenden Spuren – ein wahrer Glücksfall. Dennoch ist das Festpielhaus ein lebendiger Kunst- und Produktionsort und keine Zeitkapsel. Meist wird hier geprobt und Teile des Kunstwerks sind von Gerätschaften verstellt. Das gehört zum Geist des Hauses und betrifft auch andere Zeitzeugnisse, die von der jeweiligen Gegenwart auf den Prüfstand gestellt werden. So wurden die zwei gegenüberliegenden, aus der Sowjetzeit stammenden Wandmalereien durch die Generalsanierung des Hauses als Denkmale bewahrt. Sie zeigen die Truppenbewegungen, die 1945 zum Sieg über Nazideutschland führten. Mündige, geschichtsbewusste Betrachter*innen sollten damit umgehen können. Doch dann kam der 24. Februar 2022 und damit der russische Vollangriff auf die Ukraine. Durch die Hintertür des Zeitgeschehens fiel (ja: männliche!) Kriegsgewalt wieder in den Kulturort ein. Wie mit den Heldenfresken umgehen? Eine transparente Verhüllung wirkte etwas hilflos und sollte nur zeitweilig sein. Mit ihrer, dieses Jahr fertiggestellten Intervention zeigt die Dresdner Künstlerin Svea Duwe, wie solch ein erinnerungskultureller Balanceakt aussehen kann. Ihre beiden Fadenvorhänge ermöglichen den ausschnitthaften Blick auf die Propagandabilder per Hand, sie blockieren nichts. Aus der Entfernung allerdings formieren sich die unterschiedlich dicken Fäden zu Worten – nämlich „würde“ auf der einen und „macht“ auf der anderen Seite. In diesem Rahmen, zwischen Menschenwürde und Machtmissbrauch, wenn man so will, vor und hinter dem Vorhang spielen sich unsere Rezeptionsvorgänge ab. In einem ähnlich emotionalen und zwiespältigen Spannungsfeld wie zwischen dem Gewaltakt an „Marie Sanders“ und den feierlichen Frauengestalten von Nancy Spero.
Info/Disclaimer: Die Autorin lernte Nancy Spero und Leon Golub 1994 während ihres Studiums in New York City kennen, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Claudia „Wanda“ Reichardt, Projektkoordinatorin am Festpielhaus Hellerau, schlug vor, das Künstler*innenpaar für eine Installation einzuladen. 1998 wurde das Projekt realisiert, kuratiert von Susanne Altmann und Claudia Reichardt. 2001 veröffentlichten Regine Hempel und Susanne Altmann ihren Dokumentarfilm „Rhythm of Time“ zur Entstehungsgeschichte zwischen New York und Hellerau. 2012 kuratierte Susanne Altmann auf Einladung der Kulturstiftung Sachsen und des Festpielhauses eine Einzelausstellung von Nancy Spero.