Mit Nussknackern und Strumpfhosen in die Zukunft

Die Kulturhauptstadt Europas 2025 heißt Westerzgebirge

Mit Nussknackern und Strumpfhosen in die Zukunft

von Susanne Altmann

Heinrich Kohl hat die Lösung und er hat Humor.

Eigentlich bin ich nach Bad Schlema gekommen, um die neu aufgestellte Skulptur „Stack“ (Stapel) von Tony Cragg im Kurpark zu betrachten. Das Monument steht etwas unvermittelt auf der Wiese – wie ein gutes Beispiel für die in den 1990er

Jahren vom Diskurs so schwer kritisierte Praxis der zusammenhanglos hingetropften Kunstobjekte, despektierlich „drop sculptures“ genannt. Ganz so einfach ist es nicht auf dem so genannten „Purple Path“, dem meine Reise durch das westliche Erzgebirge folgt. Mit dem „lila“ Kunstpfad (die Farbe symbolisiert allerlei, zuallererst eine Art Wegmarkierung, dann Liturgisches und lokalen Fussball) haben sich knapp vierzig Dörfer und Gemeinden allerlei künstlerische Interventionen gegönnt, entlang derer man sich die Region um Chemnitz einmal ganz anders erschließen kann. Denn zumeist signalisieren die künstlerischen Setzungen örtliche Kontexte.

Von den vormaligen Schlemaer Uranschächten aus, über die nun Craggs Stapel wacht, möchte ich nach Limbach-Oberfrohna. Die Fahrt dauert eine halbe Stunde, vielleicht sollte ich in Bad Schlema noch rasch eine gewisse Dringlichkeit erledigen? Bürgermeister Kohl bietet Hilfe an: „Gehen Sie doch auf unser Nazi-Klo, dort hinten.“ Einladend klingt das nicht oder, Herr Kohl? Lachend verrät er, dass diese öffentliche Toilette auf Betreiben der Rechtsaußen-Fraktion im Stadtrat Aue-Bad Schlema errichtet wurde und sogleich ihren Kosenamen verpasst bekam. Das Erzgebirge ist also noch nicht verloren. Und mit Erwähnung dieser infrastrukturellen Errungenschaft darf ich das leidige Thema der Nazipräsenz im Umfeld der Kulturhauptstadt Europas, Chemnitz 2025 im Besonderen und in Sachsen im Allgemeinen für dieses Mal ab­haken und mich anstelle dessen der aktuellen Kultur widmen. Mit Craggs weltläufiger Bronze im Rücken weisen die Bad Schlemaer Würdenträger selbstbewusst auf ihren Anteil an den diesjährigen Feierlichkeiten hin: Ohne den konzeptuellen Einbezug des gesamten Umlands hätte Chemnitz niemals den begehrten Titel erhalten. Während sich andere Mitbewerber, wie Dresden, auf ihre urbanen Qualifikationen verließen (und scheiterten), präsentierte sich die kleinste der drei sächsischen Großstädte offensiv als Teil eines regionalen Netzwerks aus Historie, Tradition, Narrativen und Visionen. Dabei kann Chemnitz selbst durchaus als Startbasis für einen oder mehrere Ausflüge dienen. Die verblüffendste Manifestation des „Purple Path“ befindet sich denn auch in der Nähe des Haupt- und (übrigens sehenswerten) Busbahnhofs. Die Rede ist von Osmar Ostens launiger Stele „Oben-Mit“. Auf einem retro-postmodern gestimmten Säulenbündel aus diversen lokalen Gesteinsarten hat sich eine Formation erzgebirgischer Traditionsfiguren versammelt – statt aus Holz in roh belassenem Aluguss. Dadurch erscheinen Engel, Nussknacker oder Räucherpersonal weniger gemütlich, als mehr schauerlich. Womit Osten, bewährt erbarmungslos, auch Schattenseiten von Volkstümelei aufs Korn nimmt.

Der Impresario des „Purple Path“, Alexander Ochs, setzt nicht nur auf Neuproduktionen, sondern gemeindete seinem Parcours bereits bestehende Kunstwerke wie den 1968 aufgestellten und unlängst sanierten „Klapperbrunnen“ von Johann Belz am Busbahnhof oder den gestreiften Schornstein von Daniel Buren mit ein. Andere Werke, wiewohl nicht explizit integriert, werden dennoch – irgendwie automatisch – zu Stationen des Kunstwegs. Das gilt besonders für die St. Wolfgangskirche in Schneeberg. Auf dem Platz davor erhebt sich der Münzstapel („Coin Stack 2“) von Sean Scully und zeigt den einstigen Reichtum des Bergwerksstädtchens an, als Bewohner selbst noch in ihren Kellern Silberstollen anlegten. Im Gotteshaus dann verzaubert nicht nur der Reformationsaltar (bis 1539) aus der Cranach-Werkstatt, sondern auch das grob-schmerzhafte Skulpturenensemble „Die langen Schatten des Krieges“ (2005) von Hans Brockhage. Der 2009 verstorbene Bildhauer und ­Designer war von 1965 bis 1990 erst Dozent, dann Professor an der Hochschule für angewandte Kunst hier in Schneeberg. Weltberühmt wurde er durch Formgestaltungen, zuvörderst mit dem „Schaukelwagen“, den er noch als Student (um 1950) unter Mart Stam an der Dresdner Kunsthochschule entwickelte. Brockhage kann als Schlüsselfigur der erzgebirgischen Verschränkung von Kunsthandwerk, freier Kunst und Volkskunst gelten. Die Besinnung auf derlei transdisziplinäre Fusionen zeichnet das heutige Schneeberg aus: So leistet sich die Fakultät für Angewandte Kunst im mittelalterlichen Stadtkern einen ultramodernen Showroom, wo Studierende und Absolvent*innen ihre Produkte und Experimente vorstellen, teils auch verkaufen. Die Grenzen zwischen Kunsthandwerk und freier Kunst sind fließend, der Geist Professor Brockhages schwebt über aktuellen Versionen von mobilen Spielgeräten. Das lange leerstehende Barockhaus am Fürstenplatz ist eines von neun so genannten „Maker Hubs“ (neudeutsch für: Macherzentren), die die Kulturhauptstadt auch über 2025 hinaus etablieren will.

Ein weiteres dieser „hubs“ befindet sich im nagelneuen Haus Esche in Limbach-Oberfrohna. Statt um Holz dreht sich in diesem Museum alles um die Textilherstellung. Zunächst ist museal nachvollziehbar, wie aus handbetriebenen Webstühlen zur Strumpf- und ja: Schlüpferherstellung irgendwann elektrische und elektronische Maschinen wurden. Aus manchen Geräten quellen noch immer gewirkte Schläuche hervor, die eher an orthopädische Beinkleider für Ries*innen erinnern. Beispielhaft verwebt(!) sich der frühindustrielle Erzählraum mit schrägen, technischen Readymades zu einer eigenen Kunstform. Fast noch mehr an eine Märchen-Szenerie erinnernd, bei der Schlag Mitternacht die Zeit und die Jacquard­­webstühle stehen blieben, erscheint ein verwunschen gelegenes Ge­bäude im Niederwiesaer Ortsteil Braunsdorf. Die historische Schauweberei ist das Dornröschenschloss unter den technischen Denkmalen der Chemnitzer Umgebung. Künstlerin Karolin Schwab interessierte sich für diese Location, wo sie im Mühlgraben des Flüsschens Zschopau „My Floating Home“ (Mein schwimmendes Haus) errichtete, die abstrakte Fata Morgana einer Behausung. Das simple Gerüst aus roten Stäben ist der Nutzung ebenso entzogen wie die nahe Maschinenspinnerei und bietet sich für Projektionen jedweder Art an, auch für poetische. Dabei hilft auch das schlossähnliche Anwesen von Lichtenwalde in der Nachbarschaft. Dessen barocke Fontänen werden von der Zschopau gespeist; diesselbe trieb ab 1800 auch die Transmissionsriemen der Tuch- und Garnherstellung an.

Um im Orbit der Textilpraxis zu bleiben, an dieser Stelle ein Sprung nach Zwönitz, im Süden von Chemnitz, wieder mehr im Bergland und näher an Schneeberg gelegen. In der kleinen Stadt verwandeln schon seit 2023 Lichtobjekte von Nevin Aladağ den Austel-Park samt Teich in einen magischen Ort. Der Besuch lohnt, wenn das Grün sich verdichtet und die Lampions asiatisches Flair verbreiten. Ganz und gar nicht exotisch sind allerdings die Materialien, die die Dresdner Kunstprofessorin verwendet: Eines ihrer plastischen Markenzeichen, trendige Lampenkörper aus den 1960ern, überzieht sie mit verschieden strukturierten und farbigen Strumpfhosen. Übrigens hat die postindustrielle Abwicklung einen kleinen Bogen um den Zwönitzer Ortsteil Dorfchemnitz gemacht: Ein bekannter Hersteller lässt die elastischen Textilien dort produzieren.

Verglichen mit der einst so florierenden Textilindustrie und ihrer Zulieferproduktionen nimmt sich eine solche punktuelle Erfolgsgeschichte bescheiden aus, gewiss. Doch geht es überhaupt um Vergangenheitsweh? Den wenigsten Kritiker*innen der Veränderungen nach 1989 ist klar, dass die gesamte Region bereits vor Jahrhunderten einen schweren wirtschaftlichen Bedeutungsverlust hinnehmen musste. Geschichte passiert und hat meist auch mit dem Wegfall von Ressourcen zu tun. Als Silber, Zinn und andere Erze versiegten, musste sich das Erz(!)gebirge samt Umgebung neu erfinden. Falls es so etwas wie ein kollektives, überzeitliches Selbstverständnis geben sollte, dann zeigt sich dieses hier über lange Zeiträume als kreative Resilienz, Innovationsgeist und Experimentierfreude. Letztendlich waren die Vorfahren jener Kunsthandwerker*innen, die heute niedliche Exportschlager anfertigen, Bergleute. Und Bergleute waren automatisch Experten des Holzhandwerks. Ihre genialen Schachtbauwerke und Wasserkünste sind – salopp gesagt – die Vorläufer von Weihnachtspyramiden und -krippen. Über diese Zusammenhänge kann man trefflich spekulieren beim Besuch auf der Dittersdorfer Höhe bei Amtsberg, wo Olaf Holzapfel eines seiner bewährten Balkengerüste aufgestellt hat – diesmal als Referenz an historische Vermessungspunkte, mithilfe derer Landschaften einst oberirdisch erschlossen und strukturiert wurden. Ohne den Rohstoff Holz war auch hier nichts zu machen. Während die trigonometrischen Türme längst verschwunden, die Hobelspäne von damals verwittert sind, spielen gerade letztere etwa in Seiffen noch eine tragende Rolle. Mit einer anmutig verwickelten Spirale, platziert im dortigen Freilichtmuseum, erinnert Alice Aycock daran, dass vermeintliche Abfälle in der Volkskunst zu Ornamenten avancierten.

Offizielle Eröffnung des Kunst- und Skulpturenwegs „Purple Path“

vom 11.-13. April

Alle Künstler*innen, Orte und Veranstaltungen hier:

https://chemnitz2025.de/purple-path