Tilman Hornig. Stille Nacht

Wir freuen uns Tilman Hornig in seiner achten Einzelaus­stel­lung in der Galerie Gebr. Lehmann präsentie­ren zu können. Tilman Hornig zeigt neue Foto­grafien aus seinem Zyklus der „GlassPhones“, an dem er seit 2014 kontinuierlich arbeitet.

Text zur Ausstellung von Katarina Lozo:

Während seines Studiums an der HfBK Dresden noch vornehmlich malerisch tätig, zeichnet sich Tilman Hornigs (*1980) Werk heute durch eine starke mediale Vielfalt, die andauernde Verschränkung mit zeitgenössi­schen Phänomenen und somit auch digitalen Bildwelten aus. Der Weiterent-wicklung und Vertiefung von Motiven in fortlaufenden Werkgruppen liegt dabei ein konzeptioneller Ansatz zugrunde, der durch die freie, fast spielerische Umsetzung in unterschiedliche Szenarien und Formate jedoch ohne Pathos oder Wahrheits-anspruch auskommt. Exemplarisch für diese künstlerische Praxis steht die 2014 begonnene Werkgruppe „GlassPhone“. Ein schlichtes, gläsernes Objekt wird hier allein durch seine Form als Smartphone lesbar und von Hornig als angewandte Skulptur entsprechend inszeniert.

Digi­tale Fotografien und Videos zeigen allgegenwärtige Situationen: Frauen und Männer hal­ten das fiktive Gerät in den Händen, strecken es von sich, um ein Foto aufzunehmen, bli­cken auf den vermeintlichen Screen, wischen mit den Fingern über die durchsichtige Oberflä­che, scrollen durch einen unsichtbaren Feed oder tippen eine Nachricht. Es sind auffal­lend unspezifische und doch umso vertrautere Motive, die an die klare Ästhetik der Werbe- und Stockfotografie denken lassen. Auch weil Menschen und Orte hinter dem Ob­jekt zurücktreten, um einer universalen Wahrheit Raum zu geben. Das hier zum Symbol abstra­hierte Gerät ist für fast jeden überall – im privaten Schlafzimmer, im Café, im Mu­seum, im Flugzeug, im öffentlichen Stadtraum, in der Natur – real und bleibt doch nur Werk­zeug zur virtuellen Welt.

Indem er das Sinnbild des digitalen Raums, grenzenloser Kommu­nikation, unendlicher Information auf seine rein materielle Form zurückwirft, macht Hornig die paradoxe kulturelle Erhöhung sichtbar. Denn das Gerät als solches ist frei von jeglichem Inhalt, es ist neutrale Oberfläche und zu keinem Zeitpunkt permanent. Erst im Moment der Nutzung überträgt es die umgebende Realität in eine virtuelle Illusion der­selben und wird so zum Spiegel unzähliger, variierender Wirklichkeiten. Auf die eigentli­che Funktion des Smartphone als Transmitter von Information und Übersetzer zwi­schen den Welten verweist die Transparenz des „GlassPhone“.

Die komplexe und immer stärkere Überschneidung von analogen und digitalen Realitäten wird in der aktuellen Ausstellung „Stille Nacht“ auf formaler wie auf inhaltlicher Ebene be­rührt. Sie zeigt 24 Variationen eines Motivs der „GlassPhone“-Serie. Im Dunkeln einer Flug­zeugkabine–so lässt uns die charakteristische ovale Fensterluke im Zentrum wissen–verschwindet der menschliche Körper fast vollständig. Lediglich die Hand, die die Skulp­tur hält, wird vom mystischen Licht in der Bildmitte beleuchtet, während das „GlassPhone“ selbst die durch den Fensterrahmen gefasste zusätzliche Bildfläche in einer na­hezu perfekten Diagonale durchkreuzt. Die präzise, harmonische Komposition unterschei­det sich in ihren Ausführungen lediglich in dieser zweiten Bild-fläche, der zu erahnen­den Landschaft und insbesondere der Lichtatmosphäre, die nach innen strahlt und die Skulptur wie eine Aureole rahmt. Goldene Sonnenaufgänge oder -untergänge, rosig-pastel­lige Abendstimmungen, tiefblaue Nachthimmel oder grünlich schimmernde Polarlich­ter schaffen stilisierte Hyperrealitäten. Sie verraten, dass dieses Motiv digital mon­tiert wurde.

In der Wiederholung des perfekten Bildaufbaus lauert eine scharfe Künstlichkeit, die vom Motiv weg- und zur abstrakten, konzeptionellen Ebene der Werk­gruppe zurückführt. Die auf den ersten Blick schnell zu deutende kompositorische Zuspit­zung – die Überlagerung der gläsernen Oberflächen als Übergänge zu einer tatsächlichen und einer virtuellen Wirklichkeit–erhält durch diese Offenlegung eine überraschende Wen­dung. Eine Unterscheidung zwischen echt und künstlich, analog und digital, ist natür­lich längst nicht mehr möglich. Tatsächlich scheinen selbst die Kategorien „echt“ und „künst­lich“ nicht mehr valide, so haben doch virtuelle Inhalte einen ganz realen Einfluss auf das Leben. Die Informationsströme laufen heute in beide Richtungen und erzeugen gleichbe­rechtigte Wirklichkeiten.

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