Reinhard Springer „EXODUS – Der lange Weg“ Malerei, Zeichnung, Druckgrafik

Reinhard Springer ist ein Künstler, den ich besonders schätze, der ein Werk erarbeitet hat, das zu dem Besten zählt, was die sächsische Gegenwartskunst hervorgebracht hat.

Grüblerische Einsichten trieben ihn zu analytischen Erkundungen des Sichtbaren, verbunden mit der Gewissheit, dass in jedem Werden bereits der Keim für das Vergehen angelegt ist. Und diesen immer währenden, ewigen Kreislauf hat Reinhard Springer in unnachahmlicher Weise mit beachtlicher Konsequenz thematisiert.

Er gräbt in die Tiefe seiner Seele und legt Schicht für Schicht frei, was seine Beweggründe und Befürchtungen sind. So meldet er sich zu Wort in unserer Gegenwart, in der alles aus der Mitte gerückt zu sein scheint und zelebriert das große Fest, den exzessiven altbiblischen Tanz um’s goldene Kalb, um nun im EXODUS zu gipfeln.

Das Leben sieht anders aus im grellen Licht des alltäglichen Kampfes um das Grundrecht zu leben, menschenwürdig zu leben!

Reinhard Springer hat sich immer auf die Seite derer gestellt, die demütigend als Randgruppen der Gesellschaft bezeichnet werden, geistig und körperlich behinderte Menschen, Obdachlose, die er zu Hauptdarstellern seiner Arbeiten machte, um allgemeinmenschliche Themen zu gestalten.

Die Intensität der symbolhaften Bildfindungen von Reinhard Springer, seine sensibel verschlüsselten humanistischen Botschaften, wühlen im Betrachter etwas auf, das man nur vage beschreiben kann.

Dies hat etwas mit der Sehnsucht zu tun, dem Leben einen Sinn zu geben, eine eigene Spur zu hinterlassen. So vergißt man die Bilder von Reinhard Springer nicht mehr.

Er ist ein Realist mit unheimlichen Visionen, einer der zur Melancholie neigt, einer, der nicht wegsieht, einer, der aus einem Totentanz einen Lebenstanz, aus einem Lebenstanz einen Totentanz formt.

Die formale Dichte und technische Brillanz seiner Radierzyklen brachte ihm internationale Anerkennung. Selbst die malerischen Mischtechniken auf Papier und Leinwand verraten einen bemerkenswerten Zeichner.

Immer wieder Landschaften mit weiten brennenden Horizonten. Himmel und Erde begegnen sich. So anders kann man Welt sehen, so reduziert auf das Wesenhafte, so schweigsam und doch so voller Sprache, so fern und doch so gegenwärtig, so abstrahiert und doch so realistisch.

Der Spiegel, in den Reinhard Springer blickt ist oftmals dunkel verfärbt, aber aus dieser Dunkelheit kristallisiert sich ein kostbares Leuchten heraus. Sicherheiten im Ungesicherten Lebensfluss vom Werden und Vergehen sind Linien und Strukturen, Horizonte, der Tanz auf dem Vulkan.

Viele Reisen führten Reinhard Springer nach Schweden und Norwegen, Dänemark, Rügen und Schleswig-Holstein und Bornholm.

Er war fasziniert von der Unberührtheit der Natur, der Weite der Horizonte, dem Licht der Sonnenauf- und Untergänge, der Urwüchsigkeit und dem bewussten Empfinden des Ausgesetztseins den mächtigen Naturkräften gegenüber. Er spürte an diesen Orten eins zu sein mit den ewigen Naturkreisläufen. Aber auch um Dresden herum wurde der Künstler fündig.

Landschaftsdarstellungen sind von den figürlichen Zeichnungen im Werk von Reinhard Springer nicht zu trennen. Es existiert eine Zweieinigkeit, die sich zu einer Dreieinigkeit mit dem Menschen Reinhard Springer verbindet.

Seine selbstquälerische Gedankentiefe, seine Empfindungskraft und seine Empfindsamkeit sind immer mit den Bildern, über das dargestellte Thema hinaus, präsent. Er steckt voller Ideale und Demut, die er lebt und niemals preisgeben würde.

Er gehört zu denen, die mit Besessenheit arbeiten, dem schnellen Lob misstrauen, die voller Selbstzweifel stecken und da sie noch nach Wahrhaftigkeit streben. Und so erinnert er metaphorisch an die Vergänglichkeit allen Lebens, vermittelt aber auch Zuversicht.

Man spürt angesichts der Werke tiefer, dass die Welt an zerstörerischer Oberflächlichkeit krankt, dass man tief empfinden muss, um zu bestehen.

Reinhard Springer selbst wirkt bescheiden und dennoch ist er kein Stiller. Denn seine Werke – schaut man sie sich ganz genau an – tragen in sich eine latente Explosivität, eine alles verbindende Menschlichkeit, die mit einer nahezu weisen Einsicht in elementare Lebensvorgänge und Lebensempfindungen einhergehen.

Unserer dualistischen Denkweise entspringt das eigentlich Wissen um eine universelle Ganzheit, dass der Tod die Ergänzung des Lebens ist, die Nacht die Ergänzung des Tages, der Mond das Pendant zur Sonne ist, das es einen unleugbaren Zusammenhang zwischen Tier und Mensch und Seele und Körper gibt und diesen harmonischen Gleichklang, diese Balance vermitteln für mich die Arbeiten, kurz vor der Apokalypse…

 

Karin Weber