Hannes Broecker I Martina Wolf

ZWISCHENDURCH: KONKRETE WÄNDE

 

Hannes Broecker sucht im öffentlichen Raum nach unverbrauchten, eindrücklichen »Bildern«, in denen sich die unteren Lagen unserer urbanen Lebenswelt spiegeln. Ihn interessieren jene Orte und Situationen, in denen die aus Raum, Architektur und Menschen gefügte städtische Textur aufgeraut ist, wo sich die Spuren des fortwährenden kollektiven Gebrauchs zeigen und die individuelle – auch sich den Regeln und Normen widersetzende – Benutzung der Stadt sichtbar wird. Aufgerissene Straßen, mit Sperrmüll verstellte Wege, Schlafstätten von Obdachlosen, mit Graffiti überzogene Wände, wild plakatierte Bauzäune, die Signalfarben von Absperrbändern – aus solchen visuellen Reizen und den dazugehörigen Realien schichtet Broecker intuitiv seine Bilder, Objekte und Installationen. Laut und grob stellen sie sich dem Betrachter oft als undurchdringliche Barrieren entgegen. Denn es geht nicht um die ästhetische Kultivierung eines banalen Motivs, sondern um das Aufbrechen einer vertrauten Alltagserfahrung, um die Neuentdeckung der eigenen Welt …

Mathias Wagner (Ausschnitt)
Aus: Schichten, galerie baer, Dresden, 2011

»Unfreiwillige Bilder« – so nennt Martina Wolf ihre Arbeiten gerne, und das klingt ein wenig so, als würde sie gefundene Situationen zu ihrem Glück, d. h. zu einem Nachleben als Kunst zwingen. Doch um Zwang geht es keineswegs, zumindest nicht, was die Motive anbelangt.
Es sind wir, die Betrachter, die in einen Modus gezwungen werden, der uns im Alltäglichen oft fremd ist: den Modus der Langsamkeit.
Besonders wenn es bei Martina Wolf um bewegte Bilder geht, wird dieser Kontrast deutlich. Täglich bestimmt der Rhythmus schneller Schnitte und unablässiger, wechselnder Informationen unsere Wahrnehmung.
Martina Wolf jedoch setzt auf eine einzige Bildinformation und reduziert die Bewegung so drastisch, dass ganze Sequenzen statisch wirken, fast wie Fotografien. Zudem sucht sie sich bei der Komposition ihrer Videos noch rahmende Elemente, die diese Verwandtschaft unterstreichen. Sie liebt lange Einstellungen, verankert ihre Kamera und unseren Blick mit diesen. Fenster, in denen sich Architekturen spiegeln, schließen oder öffnen sich so langsam, dass Reflexion und Illusion mit der Realität verschwimmen. Das Warten wird so zum Prinzip, und Begrenzungen wie Türen und Fensterrahmen unterstreichen diese »unerträgliche Langsamkeit des Seins«. Die optischen Verriegelungen kehren sich vor ihrer Linse in ihr Gegenteil. Sie sollen etwas verschließen, öffnen aber – unfreiwillig auch sie – neue Perspektiven.

Susanne Altmann (Ausschnitt)
aus dem Katalog: Plaza Shows – Tür auf, Fenster zu, Commerzbank AG (Hrsg.:); Frankfurt am Main; 2011